
Sam Fisher erledigt gleich reihenweise Gegner - das Publikum johlt. Die eigentlich so zart besaitete neue Lara Croft murkst mit überraschender Härte per Messer einen Bösewicht ab - die Leute jubeln. Joel aus The Last of Us richtet scheinbar ohne Notwendigkeit einen Widersacher kaltblütig hin - der Applaus könnte nicht größer sein. In Deutschland hat so mancher mit Verwunderung und Abscheu auf den Brutalo-Jubel in den E3-Pressekonferenzen reagiert. Dabei ist das für Amerikaner ganz normal.
Dass viele den übermäßigen Action-Anteil bei den auf der diesjährigen E3 präsentierten Spielen bemängeln, ist die eine Sache. Klar: Der Anteil der Adventures, Rollenspiele, Rennspiele und eben-nicht-Ego-oder-3rd-Person-Shooter war recht gering, was aber eben auch daran liegt, dass sich Action (egal ob in Spiele- oder Filmblockbustern) nun mal hervorragend verkauft und auf einer Messe auch beeindruckend inszenieren lässt. Minutenlanges Minispiel-Geplänkel wie auf der Nintendo-Pressekonferenz will dann ja irgendwie auch keiner sehen.
Die andere Sache ist aber, wie das Saalpublikum besonders gewaltintensive Aktionen begleitet hat: Je brutaler der Kill, umso euphorischer die Reaktion der Zuschauer. Und zwar nicht etwa in Form eines geschockten "Uff, das ist aber krass.", sondern in Form eines begeisterten "Yeah, woohooo, awesome!!".
Dem europäischen Publikum fiel dies bei dieser E3 gleich mehrfach auf, der seltsame Gewalt-Jubel war Gesprächsthema.
Doch jede Wette: Kein Amerikaner würde solches Verhalten befremdlich finden. Denn im Land, wo entblößte Brustwarzen ein No-Go sind, aber niemand ein ernsthaftes Problem mit Gore und Splatter hat, gehört ein derartiges Mitfiebern und Bejubeln irgendwie einfach dazu. Und zwar im Positiven wie im Negativen: Wer einmal in den USA ins Kino gegangen ist, kennt das. Da wird bei lustigen Szenen lauthals gelacht, da gibt es Zwischenapplaus bei besonders dramatischen Ereignissen und kommt es zum Showdown, dann wird der Held gern mal wortreich angefeuert. Sowas kennt man in Europa höchstens im Sport. Im Kino allerdings dreht sich doch direkt der Nachbar mit einem "Schhh!" um, wenn einer mal was kommentiert.
Wir haben es also hier mit einem "Clash of Cultures" zu tun: Während unsereins mediale Vorstellungen eher verhalten rezipiert, lässt der Amerikaner an sich seinen Emotionen ungehemmt freien Lauf.
Wohlgemerkt, es lässt natürlich tief in die amerikanische Seele blicken, dass besonders drastische Gewalt-Darstellungen mit gutgelauntem Gejohle begleitet werden. Im Land of the Free, in dem Waffen nach wie vor irgendwie zu einem vollständigen Haushalt dazugehören und jeder für sich beansprucht, sich, sein Hab und Gut und seine Interessen notfalls schussgewaltig verteidigen zu dürfen, da wird ein Spiel-Held, der sich "durchsetzt" erst recht als Held wahrgenommen.
Gerade wir Deutschen sind kulturell und geschichtlich anders geprägt, uns gilt Friede, Freude, Eierkuchen als höchstes Gut. Und das ist sicherlich nicht verkehrt.
Bei den nächsten E3-Pressekonferenzen kann man den US-Beifall bei Brutalitäten also ganz einfach mit einem Achselzucken quittieren und sich sagen: "So sind sie halt, die Amis." Oder auch: "Fuck yeah! 'MERICA!"
Kommentare
Schöner Kommentar. Apropos
16. Juni 2012 - 13:36 — Donna DarkoSchöner Kommentar.
Apropos "Tomb Raider": Über die Beinah-Vergewaltigung im Trailer gab es auch die ein oder andere Diskussion.
http://www.gefuehlskonserve.de/beinahvergewaltigung-in-tomb-raider-na-un...
Hehe, das kenn ich auch, hab
16. Juni 2012 - 21:12 — alokkHehe, das kenn ich auch, hab nen halbes Jahr in L.A. gelebt und war auch paar mal im Kino, am lustigsten wars damals in Zombieland, die Leute nur am jubeln und gröhlen ^^
Hab mir den dann auch hier in Deutschland nochmal im Kino angschaut, ich voll am jubeln und der ganze Kinosaal - genauso wie meine Begleitung denken sich nur was fürn Idiot =D
Ich habe das garnicht so wahr
17. Juni 2012 - 4:07 — Phil46Ich habe das garnicht so wahr genommen weil die bei jedem mist gejubelt haben selbst bei Sim City Social.
ja, beobachte ich auch schon
17. Juni 2012 - 16:17 — soadhuskyja, beobachte ich auch schon seit längerem.
die amerikaner halt...
Ach, grundsätzlich habe ich
18. Juni 2012 - 13:34 — fox_sbAch, grundsätzlich habe ich keine Probleme damit, dass es in den Spielen auch mal härter zur Sache geht.
Dieses Jahr hat mich der ganze Kram aber einfach auch gelangweilt. Das lag in erster Linie daran, dass ich jede Menge Ego- und 3rd-Person-Shooter sah, die sich alle irgendwie zu ähnlich waren und die die Konkurrenz fast nur noch über die Härte der dargestellten Action überflügeln wollen.
Ein Beispiel: Resident Evil 6, der Multiplayer von Dead Space 3 oder das neue Gears of War: letztlich alles 3rd-Person Shooter, bei denen mehrere Spieler bis zum geht nicht mehr auf dicke Gegner ballern. Ziemlich austauschbar...
Ich mein, ich liebe Action-Spiele, keine Frage. Mir kam es dieses Jahr nur ein bisschen so vor (wirklich sagen kann man es anhand einiger Trailer ja nicht), als sei den Entwicklern außer größer, schneller und brutaler nichts wirklich gutes eingefallen. (Obwohl... Vermutlich bietet jeder noch irgendeinen Firlefanz an, der mir das Ganze noch auf mein Smartphone bringen will.)
Das ging aber wohl auch nicht nur uns Deutschen so: Auch ein Szene-Kenner wie Warren Spector hat die Häufung an Gewalt in einem Interview mit Gamesindustry angeprangert. Okay, nun ist man als Disney-Mann natürlich nicht gerade unverdächtig, die Firmenpolitik von Disney zu pushen, gerade wenn man noch dabei ist, sein eigenes Spiel zu vermarkten. Trotzdem finde ich seine Aussagen zumindest ganz interessant:
"...The ultraviolence has to stop. We have to stop loving it. I just don't believe in the effects argument at all, but I do believe that we are fetishizing violence, and now in some cases actually combining it with an adolescent approach to sexuality. I just think it's in bad taste. Ultimately I think it will cause us trouble.
...We've gone too far. The slow-motion blood spurts, the impalement by deadly assassins, the knives, shoulders, elbows to the throat. You know, Deus Ex had its moments of violence, but they were designed - whether they succeeded or not I can't say - but they were designed to make you uncomfortable, and I don't see that happening now. I think we're just appealing to an adolescent mindset and calling it mature. It's time to stop."
(Das komplette Interview findet man hier: http://www.gamesindustry.biz/articles/2012-06-14-warren-spector-the-ultr... )
Die Meinung muss man jetzt natürlich nicht komplett teilen, wir reden schließlich von Unterhaltung für Erwachsene, aber dass da irgendwo was wahres dran ist, kann man auch nicht komplett abstreiten, finde ich.
Der Artikel gefällt mir
18. Juni 2012 - 19:02 — bingbongDer Artikel gefällt mir ziemlich gut.