Vollgas oder Vollbremsung - Need for Speed: The Run im Test

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User-NewsPCPS3Xbox 360

Ein Rennspiel mit Story, schon einige Entwickler haben sich an dieser Formel mal mehr, mal weniger erfolgreich versucht. Hängt der aktuelle Teil der Need for Speed-Reihe die Konkurrenz ab oder fährt das Team von EA Blackbox die Reihe gegen die Wand?

Spieltitel: Need for Speed: The Run
System: PlayStation 3, Xbox 360, PC
getestet auf: PlayStation 3
Genre: Rennspiel
Entwickler: EA Blackbox
Publisher: Electronic Arts
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Preis: ca. 45 Euro

 

Eine Story zum Davonfahren

So ein Porsche kann für einige sicherlich die Erfüllung des einen oder anderen Traums sein. Für Jack Rourke entwickelt sich dieses Gefährt jedoch schnell zum Albtraum, findet er sich doch am Lenkrad des Autos gefesselt wieder, während eben jenes Bekanntschaft mit einer Schrottpresse machen soll. Doch unser Held wider Willen wäre nicht unser Held wider Willen, wenn er sich nicht aus dieser prekären Lage befreien könnte. Dieser für ein Need for Speed-Spiel wirklich ungewöhnliche Auftakt lässt den Spieler mit einigen Fragen zurück, welche allerdings alle samt und sonders auch unbeantwortet bleiben. Ohne viel zu spoilern lässt sich allerdings sagen, dass Jack für einige Gangster irgendeinen Deal vermasselt hat und dadurch gehörig in (Geld-)Nöten steckt. Hilfe findet er bei der hübschen Sam Harper, die ihm in das titelgebende "The Run"-Rennen steckt. Dem Sieger winken 25 Millionen Dollar, mit denen sich das eine oder andere Problem sicherlich lösen lassen würde. Wer ist Sam und wieso hilft sie Jack? Was hat Jack gemacht, dass er so in Nöten steckt? Welche Organisation steckt hinter dem Mordversuch? Und wird das Spiel uns eine dieser Fragen überhaupt beantworten???

 

Von SF nach NY... in 2 Stunden?

Über die Story kann man sicherlich den Mantel des Schweigens hüllen, schließlich sind die durchaus erfolgreichen Filme der "Fast and Furious"-Reihe auch nicht gerade für ihre tiefschürfenden Dialoge bekannt. Stattdessen gibt es dort Spaß, Action und sympathische Charaktere, mit denen man gerne mitfiebert. Leider kann NfS: The Run mit keinem sympathischen Hauptcharakter aufwarten. Die Vergangenheit von Jack bleibt weitestgehend ungeklärt, er selbst tritt selbstverliebt und arrogant auf. Eigentlich kein Bub, mit dem man sich gerne identifizieren würde. Über die anderen Fahrer im Rennen erfährt man bis auf einige Textboxen im Ladebildschirm nichts, nur in ganz seltenen Fällen bekommen sie eine kleine Einleitung vor dem Rennen serviert. Aber wie schaut es mit dem Spaß und der Action im Spiel aus? Das Ziel des Rennens ist einfach: In San Francisco starten und als Nummer 1 in New York City ankommen. Was auf dem Papier nach einem spannenden und unverbrauchten Konzept für ein Videospiel wirkt, entpuppt sich im Endresultat als sehr frustige Crash-Orgie. Dabei wirkt die Inszenierung gar nicht so verkehrt, ständige schnelle Schnitte bei den kurzen Zwischensequenzen oder den Abschnitten zu Fuß lassen fast schon ein wenig Michael Bay Flair aufkommen. Das Spiel ist dabei in mehrere Etappen eingeteilt, welche jeweils aus etwa sechs Einzelrennen bestehen. Die Rennen kann man in verschiedene Arten unterteilen, wobei jeweils verschiedene Anforderungen erfüllt werden müssen. So gibt es zum Beispiel die Vorgabe, eine bestimmte Anzahl an Gegnern bis zur Zielmarkierung zu überholen, oder Checkpoint-Rennen, in denen vor Ablauf der Zeit bestimmte Punkte auf der Strecke passiert werden müssen. Allzu viel Abwechslung kommt dabei leider nicht auf, da sich die Aufgaben recht schnell wiederholen. Darüber hinaus kommt das Spiel gerade mal auf eine Nettospielzeit von etwa zwei Stunden, wenn... ja wenn das Wörtchen wenn nicht wäre... Leider entwickelt sich das Spiel selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad sehr schnell zu einem Härtetest für die Nerven und eventuelle Opfer einer Wutattacke. Dies liegt teilweise an dem extrem knappen Zeitlimit - ein kleiner Fahrfehler, einmal eine Kurve nicht richtig genommen und schon wird es sehr eng, die Vorgabe noch zu erfüllen. Außerdem hat der Gegenverkehr, fast schon rennspieltypisch, die Angewohnheit, sich genau hinter einer engen Kurve oder hinter einer Kuppe zu verstecken. Ausweichmanöver oder Unfälle kosten natürlich Zeit und sollte man die Strecke verlassen, setzt einen die automatische Rückspulfunktion des Spiels zum letzten durchfahrenen Checkpoint. So nett die Funktion auch gemeint ist, die Ladezeiten beim Zurückspulen sind einfach viel zu lang geraten. Etwa zehn bis 15 Sekunden darf der geneigte Zocker dafür einplanen, für einige mag das sogar reichen, um die Notdurft zu verrichten. Gleiches gilt auch für das erneute Laden des kompletten Rennens, auch dort muss mit einer unnötig langen Ladepause gerechnet werden, was den Frust über eine nicht geschaffte Strecke nur noch erhöht. Gelegentlich mischen auch noch die Gesetzeshüter oder Mitglieder der Verbrecherorganisation mit. Während sich die Polizei weitestgehend zurückhält und nur zu oft in ungünstigen Momenten eine Rammattacke ausführt - Spielereien wie ein EMP oder ein Nagelband gibt es nicht - sind die Mitglieder des organisierten Verbrechens schon hartnäckiger. Da wird gerammt und gerempelt was das Blech hergibt, was einige Mal an einer Leitplanke, vor einer Laterne oder sonstwie neben der Strecke endet. Manchmal wird auch noch freudig mit bleihaltigen Meinungsverstärkern auf einen geballert, was man durch Zick-Zack-Fahren jedoch vermeiden sollte. Beide Parteien können durch einen aus dem Vorgänger und den Burnout-Spielen bekannten Takedown ausgeschaltet werden. Dieser wird in einer kurzen Sequenz nochmal verdeutlicht, was jedoch nicht immer Vorteile hat, da euer Fahrzeug in dieser kurzen Sequenz natürlich weiterfährt, dabei manchmal an Geschwindigkeit verliert oder sich auch schon mal gefährlich nahe einem Abgrund nähert.

Wenn man es schließlich doch geschafft hat, einen Abschnitt erfolgreich abzuschließen, bekommt man Erfahrungspunkte. Diese setzen sich zum Beispiel aus Überholmanövern, dem Benutzen von Abkürzungen oder der perfekten Fahrt ohne Rückspuleinsatz zusammen. Während diese Erfahrungspunkte anfangs noch nötig sind, um zum Beispiel den Nitro-Boost zu bekommen, werden später nur noch Profilbilder und ähnliches sinnfreies Zeug für den eigenen AutoLog-Kanal freigeschaltet. Viel zu selten ist ein neues Auto dabei, womit wir nun auch endlich beim Thema wären...

 

Autos zum am Lack lecken

Was die Fahrzeuge angeht, hat man EA-typisch wiedermal geklotzt, statt zu kleckern, und so ziemlich alle namhaften Hersteller an Bord geholt. Von europäischen Luxussportwagen wie Porsche oder Mercedes, über amerikanische Muscle Cars von Dogde oder Ford bis hin zu ostasiatischen Tuning-Monstern von Nissan oder Mitsubishi ist alles dabei, was der Bleifuß gern unter die Sohle bekommen würde. Sogar Exoten wie der Pagani Huayra haben dabei den Weg ins Spiel gefunden. Irgendwelche Tuningmöglichkeiten gibt es im Spiel aber nicht, lediglich die Option, den Wagen mit wenigen Body-Kits optisch etwas anzupassen und mit der Wunschfarbe zu versehen, ist gegeben. Tuning-Fetischisten, die sich eine ähnliche Vielfalt wie in Need for Speed: Underground 2 erhofft haben, werden also enttäuscht. Ausgewählt werden die Autos während der Kampagne auf zwei Arten: Entweder man sucht sich sein Wunschgefährt an einigen bestimmten Stellen im Spiel aus oder fährt während eines der Rennen an eine Tankstelle, wobei man dabei aber auch Plätze im Rennen verlieren kann. Zwingend notwendig ist der Wechsel während eines Rennens aber nicht. Die Steuerung der Boliden als gelungen zu bezeichnen, wäre doch etwas übertrieben. Fuhren die Wagen im Vorgänger NfS: Hot Pursuit stets dahin, wohin man wollte, scheinen die Vehikel in The Run eine gewisse Sturheit bekommen zu haben. Meistens bewegen sich die Autos wie auf Schienen, man fühlt sich mitunter ein wenig an die Drag-Rennen aus NfS: Underground erinnert. Alles fühlt sich irgendwie schwamming und unpräzise an. Lediglich bei sehr engen Kurven neigt das Fahrzeug dazu, auszubrechen, dann aber gleich so stark, dass man es kaum unter Kontrolle halten kann. Dagegen scheint es manchmal gar nicht zu reagieren, wenn man schnell dem ankommendem Gegenverkehr ausweichen will. Letztlich kommt man zwar von A nach B, doch wird dies durch die sehr eigenwillige Steuerung stark erschwert. Dank der Frostbite 2-Engine werden sowohl Autos als auch Landschaften ansprechend präsentiert. Die Wagenmodelle strotzen dabei äußerlich vor Details, schönes Environment-Mappig und Lichtspielereien verzücken das Auge. Leider hat diese grafische Pracht nicht für das Interieur der Autos und die menschlichen Figuren gereicht, beides bekommt man aber auch eher selten zu Gesicht. Die Umgebung fällt dagegen sehr vielseitig aus. Angefangen mit den Straßenschluchten eines San Francisco geht es durch das staubige Death Valley. Aufgewirbelter Staub und verdorrte Büsche gibt es hier zu bewundern, bevor es in die verschneiten Abhänge der Rocky Mountains geht. Hier sorgen Schnee- und Eisglätte für zusätzliche Gefahr. Besonderer Augenschmaus sind hier jedoch herabdonnernde Lawinen, die auch noch für einen gehörigen Adrenalinschub sorgen. Insgesamt hat man Vielfalt und Abwechslung bei den Umgebungen groß geschrieben, aber das sollte bei einem Rennen quer durch die gesamte USA auch besser so sein. Soundtechnisch fallen die Motorengeräusche etwas ab, kaum ein Auto klingt dröhnend und donnernd genug, gerade bei den amerikanischen Muscle-Cars ist das sehr schade. Positiv dagegen ist der Score von Brian Tyler, unter anderem der Komponist bei "The Expendables". Zwar ist keines der Stücke ein Ohrwurm für die Ewigkeit, dennoch unterstützen sie die Michael Bay'sche Inszenierung und jagen den Puls in die Höhe.

 

Unterwegs auf leisen Sohlen

Von Publisher Electronic Arts vorher noch groß angepriesen, entpuppen sich die Abschnitte per pedes als simple Zwischensequenzen mit einigen Quicktime-Events. Zwar sind die Szenen nett anzuschauen und passen zur Hollywood-Blockbuster Inszenierung, spielerisch erreichen diese aber bestenfalls den Gefrierpunkt und sind so eher lästig als fördernd.

 

Und sonst so?

Abgesehen vom Hauptspiel gibt es noch diverse Herausforderungen, wie man sie auch aus den Vorgängern kennt. Dadurch lassen sich weitere Fahrzeuge freischalten, die geforderten Zeiten für eine Gold- oder Platin-Trophäe sind dabei für Otto-Normal-Fahrer schon fast eine Frechheit. Ein Multiplayer-Modus ist zwar im Spiel enthalten, wurde aber von mir bisher nicht getestet.

 

Fazit

Need for Speed: The Run hat bei mir doch einige Entwicklungen durchgemacht. Anfangs war ich von dem Konzept sehr angetan, jedoch trat Ernüchterung ein, nachdem ich das Spiel auf der E3 2011 in bewegten Bildern gesehen habe. Dann wurde es eine zeitlang still um das Spiel, das Release der Demo veranlasste mich jedoch dazu, das Spiel doch weiter im Auge zu behalten. Letztlich bin ich natürlich enttäuscht. Das nach wie vor gute Konzept des Rennens über einen Kontinent und die gute Grafik täuschen nicht über den sehr hohen Frustfaktor, die langweiligen Zu-Fuß-Abschnitte, die schwammige Steuerung und einige fragwürdige Design-Entscheidungen (Autowechsel an der Tankstelle) hinweg. Wäre das Spiel nicht stellenweise so bockschwer, es wäre ein spielbarer Michael Bay-Film geworden: Schön anzuschauen, solange er dauert, aber vergessen, sobald er vorbei ist. So bleibt jedoch ein bestenfalls mittelmäßiger Arcade-Racer, der nur äußerst frustresistenten Hobby-Schumis ans Herz gelegt sei, die die bessere Konkurrenz oder den besseren Vorgänger bereits nicht mehr sehen können.

Meine Wertung: 7 von 10 Punkten

Pro/Contra

+ unausgelutschte Idee
+ Strecken optisch abwechslungsreich
+ Automodelle sehr gelungen
+ guter Score

- kurze Nettospieldauer
- häufige und lange Ladezeiten
- Zu-Fuß-Abschnitte dröge und unnötig
- Story für den Popo
- Charaktere quasi nicht vorhanden
- schwammige Steuerung
- extrem hoher Frustfaktor

Quelle: 
Captain Hammer, Bilder: Gamekyo, EA, HDDaily, GameRant

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Kommentare

Bild von Benni

Super Review! Selbst wenn

Super Review! Selbst wenn mich das Spiel nicht im Geringsten interessiert. :)

*thumbs up*

Bild von Captain Hammer

Zabucracker wrote:Super

Zabucracker wrote:
Super Review! Selbst wenn mich das Spiel nicht im Geringsten interessiert. :)

*thumbs up*

Hey, vielen Dank :)
Freut mich, wenn es dir gefällt. Vielleicht ist beim nächsten Mal ein interessanteres Spiel dabei ;)

Bild von holzkopf

(Kein Betreff)

Moin

seit need for speed underground hab ich kein rennspiel mehr gezockt und daran wird run nichts ändern.need for speed hat einen kolbenfresser und gehört auf den schrottplatz.

gruss
holzkopf

Bild von x__Kinski__x

Gutes review. Wollte mir das

Gutes review. Wollte mir das Game zulegen da ich die Demo gar nicht sooo übel fand. Aber ich denke das ich warten werde bis es ein 'Pyramidentitel' für 20 bugs wird. Solange wird noch geblurt.
Danke sehr

Bild von bingbong

Sehr gut gemachtes Review.

Sehr gut gemachtes Review. Aber dieser Teil von Need for Speed ist echt mies. Hot Pursuit und Shift 2 sind tausend mal besser. Blackbox kann nichts....

Bild von Captain Hammer

holzkopf wrote:

holzkopf wrote:
Moin

seit need for speed underground hab ich kein rennspiel mehr gezockt und daran wird run nichts ändern.need for speed hat einen kolbenfresser und gehört auf den schrottplatz.

gruss
holzkopf

Also NfS Shift und NfS Hot Pursuit haben gezeigt, dass die Reihe durchaus noch zu guten Rennspielen in der Lage ist. The Run war dagegen aber ein Schuss ins Leere...
Für Tuning-Fetischisten fällt mir außer Midnight Club leider auch net mehr viel ein...

x__Kinski__x wrote:
Gutes review. Wollte mir das Game zulegen da ich die Demo gar nicht sooo übel fand. Aber ich denke das ich warten werde bis es ein 'Pyramidentitel' für 20 bugs wird. Solange wird noch geblurt.
Danke sehr

Ich habs für 30 Euro beim Amazon Cyber Monday ergattern können. Mehr sollte man denk ich auch net bezahlen, dafür hat es zu viele Macken :/

bingbong wrote:
Sehr gut gemachtes Review. Aber dieser Teil von Need for Speed ist echt mies. Hot Pursuit und Shift 2 sind tausend mal besser. Blackbox kann nichts....

EA Blackbox hat aber die von mir hoch geschätzten Underground und Underground 2 gemacht. Warum die aber danach qualitativ so abgebaut haben können wohl nur die selbst beantworten...

Bild von Donna Darko

Zabucracker wrote:Super

Zabucracker wrote:
Super Review! Selbst wenn mich das Spiel nicht im Geringsten interessiert. :)

*thumbs up*

Kann mich da vollkommen anschließen! :)

Weiter so!