Zockerhausen-Kolumne: Die Einzigartigkeit von Shin Megami Tensei

Bild von Benni
PS43DSDSPS VitaPSPPS2RetroFun

Es war wohl nur eine Frage der Zeit bis ich Shin Megami Tensei, und besonders die Spin-Off-Reihe Persona, in unsere kleine Kolumne einbringe. Da mit Persona 5 bald ein weiteres Highlight von Atlus ansteht, habe ich darüber nachgedacht, was mich seit langem an dieser traditionsreichen Franchise so sehr fasziniert.


Shin Megami Tensei und Persona, erschien erst so richtig auf meinem Radar, als ich vor fast 9 (!) Jahren hier auf Zockerhausen davon gelesen habe. Damals dachte ich noch, das Ganze wäre nichts für mich. Wie bei manchen Zockerhausener, konnte auch ich mich damals nicht wirklich mit den vorwiegend modernen Settings anfreunden. Im Allgemeinen bevorzugte ich komplett fiktive Welten, wie die aus Dragon Quest, Final Fantasy und Suikoden. Aber ein modernes Japan als Schauplatz? Oder allgemein ein RPG in unserer Welt? Unvorstellbar, zu der Zeit.

Mein Horizont hat sich dann zu allererst mit Shadow Hearts: Covenant erweitert, welches nicht nur Fantasy-Elemente in die reale Welt einbindet, sondern ebenfalls im ersten Weltkrieg spielt. Das zweite Spiel war der kleine Nintendo DS-Hit The World Ends With You, welches komplett in dem bekannten Stadtbezirk Shibuya in Tokio spielt. Nachdem diese Spiele mich also letztendlich davon überzeugt haben, dass Rollenspiele in einem realen Setting erfolgreich funktionieren können, gab ich Persona 4 im September 2009 eine Chance. Zwei Monate später hatte ich ein neues Lieblingsspiel. Viel wichtiger jedoch: Ich erhielt eine völlig neue Perspektive, was Rollenspiele alles sein und machen können.

Adolf Hitler als Endboss in Persona 2: Innocent Sin? "Wieso nicht?", dachten sich wohl die Entwickler.
 

Worin sich Shin Megami Tensei beispielweise absetzt, ist das es erwachsener ist als ihre Genrekollegen. Dragon Quest wäre da beispielsweise mit seiner farbenfrohe Atmosphäre und den klargesetzten Grenzen zwischen Gut und Böse, das klare Gegenstück. Final Fantasy beschäftigt sich gerne mal mit komplexen und existenziellen Fragen, und Parasite Eve ist auch etwas düsterer als manch andere Rollenspiele.

Shin Megami Tensei geht für mich jedoch noch einen Schritt weiter und ist zu großen Teilen finster, seriös und bizarr. Ohne jeglichen Fluff, Katzenohren und “Kawaii!“-Rufen.

Und dann gäbe es da noch Mara. Ein Penis-Monster auf einem goldenen Streitwagen.
 

Beispielsweise stehen die Protagonisten im Spielverlauf vor vielerlei moralischen Entscheidungen, die sich in Gut, Neutral und Böse kategorisieren lassen. Aber im Gegensatz zu Dragon Quest, wo Gut mit richtig und Böse mit falsch gleichzusetzen ist, werden die Stories in Shin Megami Tensei so clever und intelligent erzählt, dass die Schwarz-Weiß-Grenzen verwischen und somit eine breitflächige Grauzone entsteht.

Ob nun Gut, Neutral oder Böse, für alle Seiten werden im Verlauf der Spiele triftige Argumente gebracht. Es gibt in der Spielwelt an sich also kein “Richtig“ oder “Falsch“, sondern nur der moralische Kompass des Spielers kann den für ihn “richtigen“ Weg zeigen.

"Denn an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu."
 

Durch diese gnadenlose Spielmechaniken entstehen ebenfalls viele der Horrorelemente, die wir zum Beispiel durchgehend in Shin Megami Tensei: IV oder Strange Journey zu sehen bekommen. Obwohl die grafische Qualität besonders im letztgenannten Beispiel sehr niedrig ist, werden diese Elemente besonders durch die grundlegend brutale Natur des Spiels gut vermittelt. In dieser Hinsicht hat Shin Megami Tensei fast schon mehr mit den Walking Dead-Episoden von Telltale Games oder der Zero Escape-Serie gemein. 

Wer von euch die Persona-Spiele kennt, sei es aus eigener Spielerfahrung oder aus Videos, wird sich jetzt vielleicht denken, dass die gar nicht so brutal, apokalyptisch und unheimlich sind. Auf dem ersten Blick stimmt das. Diese Spiele zeichnen sich besonders durch ihr High-School-Setting aus, welches einen starken Kontrast zu den vorwiegend (post)apokalyptischen und seriösen Szenarien bildet.

In Persona 3 werden die Personas durch das Abdrücken eines pistolenähnlichen "Evoker" beschworen. #donottrythisathome
 

Aber nur weil das Ganze nicht wie bei Battle Royale völlig blutig ausartet, muss es nicht gleich bedeuten, dass keine ernsteren Themen angesprochen werden können. Besonders in Persona 3 und Persona 4 war die Selbstentdeckung und die persönlichen Reisen der verschiedenen Charaktere eine übergreifende Thematik. So stellte eine Person beispielsweise seine Sexualität in Frage, während eine ältere Dame mit dem Leben nach dem Verlust eines Liebenden klarkommen muss.

Jeder essentielle Charakter beschäftigt sich mit eigenen Problemen, die im Laufe der Beziehung mit dem Protagonisten enthüllt werden. Somit können wir uns ein Stück weit mit mindestens einer dieser fiktiven Personen identifizieren, denn immerhin sind wir ebenfalls lange nicht perfekt. Auch wir benötigen hin und wieder die Hilfe und Unterstützung einer freundlich gesinnten Person oder Gruppe, die uns Mut, Akzeptanz und Durchhaltevermögen lehrt.

This is what friends are for.
 

Ich habe mich zwar bewusst mit Informationen und Videos über Persona 5 zurückgehalten, aber ich weiß, dass es im neuen Rollenspiel-Highlight um Freiheit geht, und wie die Charaktere sie für sich selbst erlangen. Am Ende dieser emotionalen Reise soll das Spielerlebnis den Spieler mit einem Gefühl von Katharsis hinterlassen. Aber ebenfalls mit der Inspiration, die eigenen Probleme in unserer modernen Welt anzupacken.

Das ist es letztlich was mich an Shin Megami Tensei und Persona, so fasziniert. Die Entwickler von Atlus stellen Fragen in ihren Spielen und sprechen Themen an, mit denen wir uns selbst identifizieren und auseinandersetzen können. Wir müssen zwar nicht unbedingt Personas (eine “Manifestation der inneren Psyche“) beschwören können, aber ein gewisser Grad an Selbstbesinnung kann niemals schaden.

Quelle: 
psu.com; wikipedia.org; Zockerhausen.de

Werbung